ADS / ADHS und Begleiterkrankungen

„Mehr als nur ADHS: Warum eine Diagnose oft nicht reicht, um das ganze Bild zu verstehen.“

ADS / ADHS und Begleiterkrankungen

ADHS tritt selten als isolierte Störung auf. Depression, Angststörung, Posttraumatische Belastungsstörung, Borderline Persönlichkeitsstörung, Burn-out sind häufige Begleiterkrankungen. Gleichzeitig verdecken die Symptome dieser Erkrankungen häufig die ADHS Symptomatik und lassen diese unerkannt.

Viele Erwachsene suchen zunächst nach Antworten auf Fragen wie:

  • Kann ADHS hinter meinen psychischen Problemen stecken?
  • Können Trauma und ADHS verwechselt werden?
  • Ist meine Depression vielleicht ADHS?
  • Warum habe ich trotz Therapie weiterhin Probleme?
  • Ist Burnout ein Zeichen von ADHS?
  • Ist meine Sucht vielleicht ein Zeichen von ADHS?


ADHS tritt selten isoliert auf. Gleichzeitig können Begleiterkrankungen die zugrunde liegende ADHS verdecken, sodass Betroffene oft erst nach vielen Jahren eine Erklärung für ihre Schwierigkeiten erhalten.

Welche psychischen Erkrankungen treten häufig gemeinsam mit ADHS auf?

ADHS tritt bei Erwachsenen häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Besonders häufig sind Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Traumafolgestörungen, Burnout sowie Autismus-Spektrum-Störungen. Diese Begleiterkrankungen können die zugrunde liegende ADHS verdecken und die Diagnostik erschweren.

Warum die Diagnostik oft schwierig ist

Viele psychische Erkrankungen können Symptome hervorrufen, die einer ADHS ähneln. Dazu gehören unter anderem Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen oder chronische Erschöpfungszustände. Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, innere Unruhe, emotionale Überforderung oder Schwierigkeiten bei der Alltagsorganisation sind daher nicht automatisch Ausdruck einer ADHS. Eine sorgfältige Diagnostik berücksichtigt immer die gesamte Entwicklungsgeschichte sowie mögliche alternative Erklärungen für die Beschwerden.

ADS / ADHS und Depression

ADHS und Depression haben zum Teil ähnliche Auslöser. So können traumatische Erlebnisse in der Kindheit sowohl ADHS Symptome als auch eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen begünstigen und eine wesentliche Ursache einer oder beider Störungen darstellen. Schätzungen zufolge haben etwa 15–25 % der Erwachsenen mit einer depressiven Störung gleichzeitig eine nicht diagnostizierte ADHStörung. Und ungefähr die Hälfte der ADHS Betroffenen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine depressive Störung.

Kann ADHS eine Depression verursachen?

ADHS verursacht keine Depression im eigentlichen Sinne. Die langfristigen Folgen einer unerkannten ADHS – etwa chronische Überforderung, wiederholte Misserfolge, Selbstzweifel oder soziale Konflikte – können jedoch das Risiko für depressive Erkrankungen erhöhen.

Der ständige Kampf mit den Anforderungen des Alltags, das Gefühl, nicht richtig zu funktionieren und der Druck, sich an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen, können auf Dauer die psychische Belastung verstärken und depressive Symptome begünstigen. Die Erfahrung, von der gesellschaftlichen Norm abzuweichen und dadurch immer wieder in Konflikte zu geraten und Ablehnung zu erfahren ist eine besonders schwerwiegende Belastung, insbesondere wenn das Umfeld wenig Verständnis zeigt. Selbstzweifel, Zukunftsängste und Hilflosigkeit bestimmen das Erleben, während die Betroffenen versuchen, ihre Herausforderungen zu bewältigen, häufig bis die Kräfte erschöpft sind. Der Antrieb schwindet und eine chronische Erschöpfung macht sich breit. Die depressive Spirale verstärkt sich, so dass die Entwicklung von Symptomen einer Depression eine nahezu zwangsläufige Folge ist.

Aufgrund der zahlreichen Symptomüberschneidungen passiert es nicht selten, dass ein ADHSyndrom fälschlicherweise als depressive Störung eingeordnet und behandelt wird. In diesen Fällen greift eine psychotherapeutische Behandlung meistens nicht weit genug, da sie das Grundproblem nicht erfasst. Erst wenn die primäre Störung identifiziert ist, kann eine Behandlung nachhaltig und effizient wirken.

ADS / ADHS und Angst

ADHS und Angststörungen treten häufig gemeinsam auf und beeinflussen sich wechselseitig. Etwa ein Viertel der Erwachsenen mit ADHS entwickelt im Laufe ihres Lebens auch eine Angststörung. Angst kann sowohl eine Folge von ADHS sein, beispielsweise durch Stress, der durch die ADHS-bedingten Herausforderungen entsteht, als auch eine eigenständige Störung, die komorbid, also gleichzeitg mit ADHS auftritt.

Können ADHS und Angststörungen gleichzeitig auftreten?

Ja. Angststörungen gehören zu den häufigsten Begleiterkrankungen bei Erwachsenen mit ADHS. Ängste können unabhängig von ADHS entstehen, werden jedoch häufig durch die Belastungen verstärkt, die mit den Symptomen der ADHS verbunden sind.

Neben genetischen Gründen ist davon auszugehen, dass ADHS Betroffene in ihrer Kindheit  durch viele negative Erfahrungen im Lebensverlauf wie Ablehnung oder Versagen, besonders vulnerabel, also verletzlich  sind. Betroffene Kinder haben im Rahmen ihrer Entwicklung viel Stress erlebt, und all diese Erfahrungen haben es verhindert, ein gesundes und stabiles Selbstwertgefühl aufbauen zu können. Gerade aber die Selbstzweifel und Selbstunsicherheit sind wieder ein Risikofaktor für Ängste und Depressionen. Die zunehmenden Anforderungen bezüglich Beruf und Familie im Erwachsenenalter werden häufig als überfordernd erlebt. Die hohe Reizoffenheit, Desorganisation und Spontanreaktionen erfordern eine stete Regulation. Die Befürchtung, diese Anstrengung auf Dauer nicht erbringen zu können, hält die Angst vor Versagen aufrecht. Innere Unruhe und ständiges Gedankenrasen fördern zudem das ängstliche Grübeln. Eine besondere Rolle spielt die soziale Angst. Das Erleben des ’anders seins’ schürt die Unsicherheit in sozialen Situationen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit fördert den Anpassungsdruck, der auf Dauer eine Überlastung darstellt.

Eine medikamentöse ADHS Behandlung sollte sinnvollerweise immer begleitet sein von einer psychotherapeutischen Behandlung, die die komorbiden psychischen Begleiterkrankungen mit einbezieht. Patienten profitieren insbesondere Akzeptanz- und achtsamkeitsbasierte Ansätzen, die durch eine neue Perspektive auf sich selbst  und im Umgang mit ADHS zu einer nachhaltigen psychischen Entlastung führen können.

ADS / ADHS und Trauma

Traumatische Erfahrungen – insbesondere in der Kindheit – können Symptome hervorrufen, die ADHS ähneln. Dazu gehören Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, emotionale Überflutung, impulsives Verhalten. Daher kommt der Differenzialdiagnose eine entscheidende Bedeutung zu, um festzustellen, ob die Symptome Folge eines Traumas sind , ob tatsächlich ein ADHSyndrom vorliegt oder möglicherweise  beide Diagnosen zutreffen. Allerdings tritt AD(H)S nicht als Folge einer posttraumatischen Belastungsstörung auf, sondern ist genetisch vererbt oder durch Umweltfaktoren begünstigt. Dennoch können AD(H)S Betroffene aufgrund ihrer Andersartigkeit und Sensibilität leichter traumatisiert werden. Konflikte, Risikoverhalten und Ablehnung stoßen auf eine erhöhte Kränkbarkeit und emotionale Empfindsamkeit, was zu vermehrten Mikrotraumata führen kann, die in eine posttraumatische Belastungsstörung gipfeln.

Können Trauma und ADHS verwechselt werden?

Ja. Traumafolgestörungen und ADHS können ähnliche Symptome verursachen, darunter Konzentrationsprobleme, emotionale Überforderung, innere Unruhe oder Impulsivität. Eine sorgfältige Diagnostik ist deshalb wichtig, um die Ursachen der Beschwerden differenziert einzuordnen.

Eine große Gefahr besteht darin, dass Traumasymptome fälschlicherweise als ADHS diagnostiziert werden. Betroffene erhalten in solchen Fällen nicht die spezifische Unterstützung, die sie brauchen, um das Trauma auf gesunde Weise zu bewältigen. Wenn sie keine traumaspezifische Behandlung erhalten – bekannte Verfahren sind beispielsweise EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing ) oder PITT (Psychodynamisch imaginative Traumatherapie), so werden sich die Symptome kaum verbessern. Auch wenn aufgrund der Symptomüberschneidung Themen behandelt werden, die sowohl bei AD(H)S als auch Traumabewältigung eine Rolle spielen,  so bleiben vermutlich die Schwierigkeiten bestehen, mit den Gedanken und Gefühlen umzugehen, die mit dem erlebten Trauma verbunden sind. Verlassen wir uns bei der Diagnostik auf Checklisten und Screening Verfahren, ohne das Gesamtbild zu betrachten, sind Fehldiagnosen vorprogrammiert.

Dies liegt daran, dass sich bei beiden Störungen die genetischen und neurologischen Grundlagen teils überlappen. Gehirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und emotionale Regulation zuständig sind, zeigen bei beiden Störungen ähnliche Auffälligkeiten im Vergleich zu Gehirnen nicht betroffener Personen.

Kann ADHS zu Burnout führen?

ADHS und Burnout sind nicht dasselbe. Viele Erwachsene mit ADHS berichten jedoch über einen dauerhaft erhöhten Energieaufwand, um Alltag, Beruf und Beziehungen zu bewältigen. Wenn über Jahre hinweg hohe Anforderungen, Perfektionismus, Anpassungsdruck und chronische Überforderung zusammenkommen, kann dies das Risiko für Erschöpfungszustände und Burnout erhöhen.

Dadurch überschneiden sich  gewisse Symptome von ADHS und ASS, was die Diagnosestellung erschwert. Es erfordert ein hohes Maß an Erfahrung, um die berichteten Symptome so fein zu erfassen, dass diese die Besonderheiten der einen und der anderen Störung genau abbilden. So liegt der grundlegende Unterschied in der Hyperaktivität darin, dass Menschen mit Autismus stereotype und repetitive Bewegungsabläufe zeigen während Menschen mit ADHS einen grundsätzlichen Bewegungsdrang und eine generelle motorische Unruhe zeigen. Oder es kann bei beiden Störungsbildern zu einem übermäßigen Redefluss kommen. Während Menschen mit ADHS aufgrund ihrer Impulsivität dazu neigen, andere zu unterbrechen und mit unüberlegten Aussagen regelrecht “herauszuplatzen” passiert es Autismus-Betroffenen eher zu direkten, situationsunangemessenen Bemerkungen, da sie Schwierigkeiten haben soziale Regeln und Indikatoren nachzuvollziehen. Weitere Merkmalsüberschneidungen mit jedoch feien Unterschieden entstehen etwa durch die sensorische Überempfindlichkeit bei Autismus Betroffenen und der daraus resultierenden Aufmerksamkeitsdefizite. Des Weiteren können als Folge der Reizüberflutung bei Autisten Wutausbrüche auftreten, wie es auch bei Menschen mit ADHS, die ein ausgeprägtes Temperament zeigen,  möglich ist.

Diese Beispiele zeigen,  dass eine Einordnung der beiden Störungsbilder ein differenziertes Unterscheidungsvermögen erfordert.

Haben Menschen mit ADHS häufiger Suchterkrankungen?

Ja. Menschen mit ADHS haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen. Dabei können Schwierigkeiten bei Impulskontrolle, Emotionsregulation und Stressbewältigung eine Rolle spielen. Gleichzeitig entwickelt die Mehrheit der Menschen mit ADHS keine Suchterkrankung, sodass immer das individuelle Gesamtbild betrachtet werden muss.

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